Fast 150 Jahre lang war das hier die Hauptstadt des Samurai-Japans, und die Tempel, Schreine und bewaldeten Hügel rund um die Stadt tragen das Gewicht dieser Zeit bis heute in sich — und trotzdem wirkt es nie feierlich-streng, denn das Meer ist mit der kleinen Enoden-Bahn nur zwei, drei Stationen entfernt.
Eins muss man ehrlich über Kamakura sagen: Auf dem Papier sieht es nach einem Tagesausflug aus, aber sobald du losläufst, reicht die Zeit nicht. Nicht weil irgendwas kompliziert wäre — sondern weil dich jede Ecke zum Anhalten bringt. Eine schmale Gasse, die zu einem Schrein in einer Höhle führt. Ein Bambushain, durch den das Licht grün-golden herabfällt. Ein kleiner Zug, der so dicht an den Zäunen der Leute vorbeifährt, dass er sie fast streift, und dann hinaus zum Meer schwenkt.
Kamakura liegt nur eine Zugstunde von Tokio entfernt, und doch fühlt es sich an wie ein anderes Land — keine Hochhäuser, kein Verkehr in alle Richtungen, nur grüne Hügel, die sich um die Stadt legen, ein großer Bronze-Buddha, der seit dem 13. Jahrhundert in stiller Ruhe sitzt, und die Enoden-Bahn, die sich durch enge Straßen fädelt, bevor sich der Blick aufs Meer öffnet. Wir haben 10 Orte ausgewählt, die die Geschichte dieser Stadt am besten erzählen.
Sortiert nach den Erlebnissen, von denen Leute hinterher noch erzählen — nicht nur nach den Fotospots.
1
Stell es dir vor: Du gehst durch das Tempeltor, folgst dem Pfad aus hellem Kies in einem Bogen, und da sitzt er — unter freiem Himmel, keine Halle, kein Dach über ihm, in Frieden unter dem Himmel und den Hügeln. Die hölzerne Halle, die ihn einst schützte, wurde 1334 von einem Tsunami fortgerissen und nie wieder aufgebaut. Der bronzene Amida Nyorai ist 13,35 Meter hoch und wiegt etwa 121 Tonnen, gegossen 1252 zur Zeit des Kamakura-Shogunats. Das Gesicht ist still und gefasst, aber nie kalt — Besucher sagen hinterher immer dasselbe: dass in ihnen etwas ruhig wird, sobald sie ihn sehen. Durch eine kleine Öffnung am Sockel kannst du sogar ins Innere der hohlen Statue treten.
2
Wenn Kamakura ein Zentrum hat, dann ist dieser Schrein die Antwort. Minamoto no Yoritomo — der Shogun, der Japans erste Samurai-Regierung gründete — machte ihn 1180 zu seinem Clan-Schrein. Die große Allee Wakamiya Oji führt auf 1,8 Kilometern schnurgerade vom Meer bis zum Schreintor, mit Lotusteichen zu beiden Seiten, während du hineingehst. Darüber steht die zinnoberrote Haupthalle auf einer hohen Terrasse mit Blick über die Stadt und das Wasser. Der Schrein empfängt das ganze Jahr über Menschen, die ihre Achtung erweisen, sich auf dem Gelände ausruhen und das Kokuhōkan, das Museum der Nationalschätze, besuchen.
3
Manche Tempel sehen in jeder Jahreszeit anders aus, und Hasedera ist einer davon. Im Frühling herabhängende violette Glyzinien; im Sommer Tausende blau-violette Hortensien; im Herbst leuchtend roter Ahorn; im Winter ein stiller Karpfenteich und völlige Ruhe. In der Haupthalle steht die vergoldete elfköpfige Kannon aus Holz, 9,18 Meter hoch — eine der größten geschnitzten Holzstatuen Japans. Von der oberen Terrasse blickst du über die Sagami-Bucht und, an klaren Tagen, auf die Silhouette des Fuji am Horizont.
4
Wenn es in Kamakura einen Ort gibt, an dem die Zeit stillzustehen scheint, dann diesen. Rund 2.000 Bambushalme wachsen so dicht, dass sich ihre Wipfel über dir zu einem grünen Dach schließen. Tritt hinein, und der Lärm der Stadt verschwindet — übrig bleibt nur der Wind, der durch die Halme streicht. Am hinteren Ende des Hains kannst du dich in einem kleinen Teehaus mit einer Schale Matcha und einer japanischen Süßigkeit hinsetzen und in die endlosen Bambusreihen hinausschauen. Der Matcha schmeckt hier voller als in der Stadt; die Stille verdoppelt seinen Geschmack.
5
Wenn du verstehen willst, wie sich ein lebendiger Zen-Tempel — einer, der für die Praxis gebaut wurde — von einem gewöhnlichen unterscheidet, dann beantwortet Kencho-ji genau diese Frage. 1253 gegründet, war er der erste eigenständige Zen-Tempel Japans, eigens für die Disziplin der sitzenden Meditation errichtet und nicht für Zeremonien. Das hoch aufragende San-mon-Tor, der trockene Karesansui-Garten aus arrangierten Steinen, weißem Sand und Kiefern und — weiter hinten, den Hang hinauf — der Hansobo mit seinem Blick zurück über den ganzen Tempel und die Stadt darunter.
6
Eine örtliche Legende besagt, dass sich Geld, das man in der heiligen Quelle in dieser Höhle wäscht, verdoppelt. Ob das stimmt oder nicht — allein der Weg zum Schrein ist schon Belohnung genug: Du gehst durch einen Felstunnel in eine Höhle, deren Wände von Kerzen und feinen Rauchfäden vom Räucherwerk gesäumt sind, alter Stein und Weihrauch mischen sich in der Luft. Die Leute tragen kleine geflochtene Körbchen zur Quelle und schöpfen das Wasser über Münzen und gefaltete Scheine. So eine Szene findest du sonst nirgends. Vom Bahnhof Kamakura etwa 25 bis 30 Minuten zu Fuß oder eine kurze Busfahrt.
7
Ehrlich, die Komachi-dori ist die Sorte Straße, bei der du ganz von allein langsamer wirst. Sie ist nur etwa 350 Meter lang, aber zu beiden Seiten dicht an dicht mit lokalen Süßwarenläden, Senbei-Ständen (gegrillte Reiscracker), Matcha-Eis-Buden, Rindfleischspießen, Souvenirläden und kleinen Zen-Figürchen vollgepackt. Nachmittags kann es voll werden, aber komm früh, dann geht es gemütlich. Vom Ostausgang des Bahnhofs Kamakura gehst du diese Straße geradeaus hinauf und biegst rechts zum Tsurugaoka Hachimangu ab — die beste Aufwärmroute für einen Tag in Kamakura.
8
Das Foto mit dem „runden Fenster", das dir in den sozialen Netzwerken begegnet ist, stammt von hier — aus dem Honkaku-an-Raum, mit einer großen kreisrunden Öffnung in der Wand, die den grünen Garten dahinter wie ein lebendiges Gemälde einrahmt. Der Tempel ist als „Hortensien-Tempel" bekannt: Im Juni blühen 2.500 blau-violette Ajisai gemeinsam über das ganze Gelände, und der hintere Garten — normalerweise geschlossen — wird eigens geöffnet, mit entsprechend langen Schlangen. Außerhalb dieser Saison bleibt der Tempel schön und ist viel ruhiger.
9
Bist du schon mal mit einem Zug gefahren, der durch einen Häuserkorridor fährt, der so eng ist, dass er die Zäune fast streift, und dann hinaus zum Meer schwenkt? Genau das macht die Enoden. Die 10 Kilometer lange Strecke vom Bahnhof Kamakura nach Fujisawa fädelt sich durch kleine Viertel am Meer, Sandstrände und Cafés, und an klaren Tagen taucht der Fuji auf. Der Bahnhof Shichirigahama ist aus unzähligen japanischen TV-Dramen bekannt, und die Strände von Yuigahama und Shichirigahama eignen sich perfekt zum Ausruhen nach einem Tag auf den Beinen. Mit dem Kamakura-Enoshima-Pass (¥700) fährst du unbegrenzt.
10
Engaku-ji wurde 1282 gegründet, um die Seelen der Toten beider Seiten — Japaner wie Mongolen — zu ehren, die in den Mongoleneinfällen gefallen waren. Diese Absicht spürt man in der Luft des Tempels, die ungewöhnlich still und tief ist. Direkt neben dem Bahnhof Kita-Kamakura gelegen, ist es die Art Ort, an dem die meisten einfach vorbeigehen — und genau das ist die Chance: Am frühen Morgen ist es sehr ruhig, und du hörst die Glocke und den Wind. Der große Ginkgo auf dem Gelände leuchtet im Herbst strahlend gelb, ein wahrer Anblick.
Kamakura hat zwei Hauptbereiche — wähl je nach Zeit, die du hast, oder kombiniere sie an zwei Tagen.
Steig am Bahnhof Kita-Kamakura aus und geh direkt in den Engaku-ji, dann weiter zum Kencho-ji über den bewaldeten Pfad, weiter zum Meigetsuin und schließlich über die Komachi-dori in die Stadt, mit Endpunkt am Tsurugaoka-Hachimangu-Schrein. Diese Route ist flach und entspannt — etwa 3 bis 4 Stunden gemütliches Gehen.
Nimm die Enoden vom Bahnhof Kamakura und steig in Hase aus. Besuch zuerst den Hasedera, dann geh weiter zum Großen Buddha im Kotoku-in. Wenn du fertig bist, fahr mit dem Zug weiter zum Strand Shichirigahama und schau dir den Sonnenuntergang mit dem Fuji im Hintergrund an — wenn das Wetter mitspielt.
Der Zeniarai-Benten-Schrein liegt im Norden, erreichbar per Bus oder einem 25-minütigen Fußweg; der Bambushain am Hokokuji liegt im Osten, per Bus ab dem Bahnhof. Beide schaffen es selten in den Plan von Erstbesuchern — aber wer hingeht, nennt sie oft das eigentliche Highlight der Reise.
Bleib in der Enoden vom Bahnhof Kamakura bis zum Bahnhof Enoshima, etwa 25 Minuten. Auf der Insel findest du den Enoshima-Schrein, die Iwaya-Meereshöhlen, den Aussichtsturm Sea Candle und frische Seafood-Restaurants direkt am Wasser — perfekt für eine zweitägige Tour entlang der Shonan-Küste.
Shichirigahama ist einer der wenigen Orte, an denen du im Sand sitzen und die Insel Enoshima in der Bucht treiben sehen kannst, mit dem Fuji, der an klaren Tagen dahinter aufragt. Das ist das Shonan-Bild, das jeder japanische Reisende kennt. Der Bahnhof Shichirigahama der Enoden ist nur drei Minuten vom Strand entfernt — steig aus, lass es auf dich wirken und fahr dann weiter nach Enoshima.